Widerstehen, stolpern und Mut suchen

Wer gegen trügerische Gewiss- oder zerstörerische Gewohnheiten anrennt und die bessere, eigensinnige Alternative probt, begibt sich auf unsicheres Gelände. Dringend gesucht sind Erfahrungen als Wegmarken des Fortschritts, also Antworten auf die Fragen: Wer hat welchen Pfad schon einmal betreten, wann, wie und warum, und wie erging es den Wegsuchern und Pfadfinderinnen? Der Schriftsteller Erasmus Schöfer hat mit seinem Romanvierteiler „Die Kinder des Sisyfos“ eine literarische Langfassung umfangreicher, in mehreren  Dekaden gesammelter Erfahrungsschätze aufgeschrieben. Auf insgesamt über 2000 Druckseiten ist die Historie der bundesdeutschen Linken, der „Achtundsechziger“ ausgebreitet – von einem Autor, der dabei war. Schöfer setzt mit „Die Kinder des Sisyfos“ ein gültiges Dokument der kollektiven Erfahrung von Kampf und Aufbruch der Achtundsechziger in die Welt, das es zuvor in der bundesdeutschen Literatur noch nicht gab. Eine Anleitung zum Siegen ist es nicht; der mythologische Titelheldenvater lässt das vermuten. Doch ein Ansporn zum Wagnis und zum sich Widersetzen allemal. CONTRASTE veröffentlicht Leseproben aus allen Teilen der Tetralogie.

Der Autor: „Mich hatte es immer wieder an die Orte getrieben, wo Bürger, unter dem Druck konkreter Herrschaftsgegebenheiten, zur Gegenwehr und zum Aufbruch aus den überkommenen Verhältnissen motiviert wurden“, so der 79jährige Autor. Innerhalb dreier Jahrzehnte verdichtete er die Erlebnisse und die Widerfahrnisse in die Form seines Bildungs- und Entwicklungsromans. Begonnen 1980, fortgesetzt 2001 und abgeschlossen 2008, hat er über Aufstieg und Niedergang der revolutionären Vision erzählt. Partei nehmend singt Schöfer das Hohelied auf die unentwegten Veränderer der Jahre zwischen 1968 und 1989. Sie waren unsicher, triumphierten manchmal, irrten oft und stolperten schmerzhaft. Im historischen Rückspiegel zeigt sich: Sie verfehlten manche ihrer erklärten Ziele, aber gestalteten dennoch die bundesdeutsche und die europäische Wirklichkeit nachhaltig um. Dem Dichter führte jedoch nicht ein Besserwissen aus sicherem zeitlichen Abstand die Feder, sondern das Selbstverständnis der damals Handelnden in ihrer Gegenwart.

Das Geschehen: Vier Romangestalten tragen die Handlung: Der Geschichtslehrer Viktor Bliss und seine Frau Lena, die im Theater aufgeht, der Gewerkschafter Manfred Anklam und ab dem zweiten Buch der Journalist Armin Kolenda. Im Jahr Achtundsechzig grünte (oder rötete?) ihnen Ein Frühling irrer Hoffnung (1). Viktor und Lena Bliss sind zusammen mit ihrem Freund Manfred Anklam dabei in den Protestaktionen gegen BILD-Volksverdummung und angemaßte obrigkeitliche Autorität. Sie stecken Rückschläge ein und erleiden Verluste – Manfred Anklam während eines Polizeieinsatzes zeitweilig die Unversehrtheit seiner Kopfhaut, Lena den Arbeitsplatz, Viktor die akademische Laufbahn, beide die eheliche Eintracht. Und mit Beginn der 70er Jahre schimmert Zwielicht (2), denn nach dem 68er Initial nimmt die innenpolitische Entwicklung einen zwiespältigen Verlauf. Auf die Gewalttaten der RAF reagiert der Staat mit Polizeimacht gegen die außerparlamentarische Bewegung. Armin Kolenda sucht als Reporter die Brennpunkte der Auseinandersetzungen auf. Unter den Beteiligten der Anti-AKW-Bürgerinitiativen im badischen Wyhl begegnet er Sally, seiner großen Liebe. Eine erfüllte, fortschrittliche Partnerschaft leben wollen auch Viktor und Lena Bliss, doch beide Paare scheitern. Viktor, unter dem zweifachen Fehlschlag der Trennung von Lena und dem gegen ihn verhängten Berufsverbot als Lehrer, unternimmt einen verzweifelten Sonnenflucht (3) Versuch nach den griechischen Inseln. In Athen trifft er die Studentin Katina, die ihn mit dem Schicksal ihrer ermordeten Freundin Sotiria konfrontiert. Indessen will Manfred Anklam den Freund für die heimischen Klassenkämpfe und das reale Leben zurück holen und setzt für die Reise nach Griechenland seine Stelle als Betriebsrat aufs Spiel. Nach einem Großbrand aufs Schwerste verletzt kehrt Bliss zurück und ringt in einer Spezialklinik wochenlang mit dem Tode. Er gewinnt, doch fortan umfängt Winterdämmerung (4) den Gezeichneten. Die 80er Jahre sind von Kämpfen um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen und gegen den Nato-Doppelbeschluss durchtobt. Der Niedergang des Sozialismus sowjetischer Prägung zeichnet sich ab, erkennt Kolenda während einer Reportagereise in Gorbatschows UdSSR. Manfred Anklam wählt für sich ein Arrangement mit dem System.

Das Besondere: Nach zahllosen durchfochtenen Schlachten lässt Schöfer „Die Kinder des Sisyfos“ schließlich am Abend des 31. Dezember 1989 allein. In Silvesterfeierlaune, selbstironisch und trotzig hissen sie einen roten Tuchfetzen zwischen die aufsteigenden 1990er Neujahrsraketen am Kranarm im stillgelegten Rheinhausener Stahlwerk. Im ausgehenden Jahrhundert enden die Klassenkämpfe der alten Industriegesellschaft. Entäuschte Revolutionshoffnungen, verlorene Utopie von einer besseren Gesellschaft jenseits des Kapitalismus – statt geglaubter Gesetzmäßigkeit zu folgen erweist sich die Geschichte als offenes Projekt, offen nach dem Abgrund hin ebenso wie ins Menschenfreundlichere. Schöfer zeigt die unterste Ebene der geschichtsbildenden Kräfte, die der politisch handelnden Individuen. Beweggründe und Beziehungsgeflechte tun sich auf im Mitgehen der Denk-, Sprech- und Fühlbewegungen, der Perspektivenwechsel und Zeitsprünge – so als ließe sich in solcherart Suchanstrengung ein roter Faden der Geschichte wieder auffinden.

Acht Schauplätze: Chronologisch im Frühling irrer Hoffnung (1) beginnend, wird sich den CONTRASTE-Lesern zuerst eine Szene in den Münchener Kammerspielen des Jahres 1968 auftun. Auf dem Spielplan steht Peter Weiss` „VietNam Diskurs“ – brandaktuell in einer Zeit, als Protest gegen den schmutzigen US-Krieg in Indochina fortschrittliche Kräfte weltweit einte. Die Regierung Kiesinger/Brandt aber setzte Notstandsgesetze durch und damit grundgesetzlich garantierte zivile Freiheiten außer Kraft. Viktor und Lena Bliss, die beide, sie als Kostümschneiderin und er als historischer Berater, dem Kammerspiele-Team angehören, bewegen sich inmitten der widerstandsbereiten Unruhestifter. Das AktionsKommitee Kammerspiele München organisiert etwas Unerhörtes: Die Ensemblemitglieder unter Regisseur Peter Stein unterbrachen eine Vorstellung mit ihrer Erklärung zu den Notstandsgesetzen. Sie setzen ein Fanal und provozieren Skandal im bundesdeutschen Kulturbetrieb.

Der nächste Romanabschnitt ist Zwielicht (2) entnommen. Er  gewährt einen Blick in das Jahr 1974 und darauf, wie Bürgerinitiativen den Bau des Kernkraftwerkes im badischen Wyhl verhinderten: Bürgerinnen, Winzer, Studentinnen und Bauern besetzten durch eine riskante Absperrung aus Traktoren Die Brücke über den Rhein, um damit die Zufahrt auf den Bauplatz für das geplante Bleiwerk zu blockieren. Diese Aktion ist eine von vielen, jahrelang vorgetragenen Abwehrmaßnahmen gegen die Verfügungen der Filbinger-Regierung und gegen die Schädigung der heimatlichen Lebenswelt.

Kolenda wagt sich an große kulturpolitische Aufgaben. Er engagiert sich in einem Werkkreis: Die im bundesdeutschen Literaturbetrieb vernachlässigten und ausgegrenzten Kenner der Arbeitswelt sollen Autoren werden und emanzipiert ihr ureigenes Wirkungsfeld literarisch bestellen. Doch Die Werkstatt hat Kopfschmerzen. Der Probe-Text gibt eine leidenschaftliche Diskussion wieder.

Sonnenflucht (3) ist ein Buch über Leid und Verzweiflung inmitten der Schönheiten mittelmeerischer Natur und deren industrieller Zerstörung. Die Athener Studentin Sotiria wurde während einer politischen Demonstration ermordet. Viktor Bliss fragt sich, warum der Tod die junge Frau angesprungen hat, und bittet die griechische Genossin Katina über ihre Freundin Sotiria zu erzählen. Ein Katastropheneinsatz in den brennenden Wäldern bei Athen unterbricht die beiden in ihrem Gespräch. Katina versucht es danach fortzusetzen. Auf Tonbandaufnahmen, die sie dem Schwerbrandverletzten ins Krankenhaus schickt, schildert Katina das Geschehen, als Sotiria starb.

Winterdämmerung (4) beginnt glückssträhnendurchflochten mit dem Tagebuch der Lena. Sie erfüllt sich ihren Traum, avanciert von der Kostümschneiderin zur Schauspielerin, macht Frauentheater und stellt ihr eigenes Stück auf die Bühne. Es ist die szenische Lesung mit Texten der DDR-Schriftstellerin Maxie Wander. Die CONTRASTE-Leserinnen erfahren, was Lena auf diese Gestaltungsidee gebracht hat und sind dabei, wie die bewegten Premierenbesucher über die Aufführung diskutieren. Es zeigt sich, dass Lena mit ihrem Erfolg auf den Bühnenbrettern eine heiße Debatte über Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern angestoßen hat.

Den nächsten einzusehenden Schauplatz bezeichnet die Überschrift: Startbahn West. Im Hüttendorf, dem Widerstandsnest der Startbahngegner bei Mörfelden-Walldorf, treffen sich die unglücklich getrennten Liebenden Armin Kolenda und Salli Biechele wieder. Salli, inzwischen Ökobäuerin, erzählt über ihre Erfahrungen und Pläne mit alternativen landwirtschaftlichen Projekten. Doch ein brutaler Polizeieinsatz bricht den lebhaften, liebhaften Austausch ab.

Wie geht es zu, wenn profitgelenkte Konzernbosse selbstherrlich ein Werk schließen, das zuvor die Lebensgrundlage einer Stadt, einer Region und tausender Familien war? Meist erheben die Betroffenen Protest und manchmal sich. So geschah es 1988 in Rheinhausen, als hunderte Arbeiter statt in die Frühschicht aufbrachen zu Einem Besuch in Krupps Villa Hügel. Hier ist zu lesen, wie die Empörten auf dem Edelparkett unter dem Kronleuchter ausharrten, bis der Konzernchef die Delegation empfing. Eine Revolution entfesselten sie nicht, nur ihre Forderung zur Rücknahme des Stilllegungsbeschlusses bringen sie diesmal sehr direkt zum Adressaten.

Und was tun Die Kinder des Sisyfos, deren Anstrengungen und Hoffnungen nicht zu den großen Veränderungen der Gesellschaft geführt haben? Viktor Bliss und seine Ex-Genossin Malina Stotz begeben sich als Die Mutsucher in die Zukunftswerkstatt von Robert Jungk, dem österreichischen Friedensforscher. Er resümiert ohne Illusionen die Mühen des widerständigen Lebens und erklärt ihnen, was sie doch schon wussten: „Es ist schwer, gegen seine Zeit zu leben.“